Theaterabend bringt Demenz näher
Interaktives Stück in Lahr zeigt Alltag und Herausforderungen – mit Diskussion und Praxis-Tipps

Ein interaktiver Theaterabend im Schlachthof Lahr rückte das Thema Demenz in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Unter dem Titel „Ich will hier nicht mehr bleiben“ erlebten rund 80 Besucherinnen und Besucher einen bewegenden Abend, der nicht nur emotional berührte, sondern auch konkrete Impulse und praktische Anregungen für den Umgang mit Demenzkranken vermittelte.
Künstlerische Annäherung an ein Tabuthema
Im Zentrum des Theaterstücks steht die Figur Dr. Hubert Schreiner, ein ehemaliger Geschäftsführer, der an Demenz erkrankt ist. Nachdem seine Pflege in der vertrauten Umgebung nicht mehr möglich war, zieht er in ein neues Wohnumfeld. Dort fühlt er sich zwar sicher, ist aber häufig desorientiert und sehnt sich nach seinem alten Zuhause. Die daraus entstehenden Konflikte zeigen sich in Äußerungen wie „Ich will hier nicht mehr bleiben“ oder „Ich habe kein Mittagessen bekommen“ – Sätze, die seine innere Unsicherheit widerspiegeln.
Auch die Angehörigen, insbesondere Ehefrau Gerda und Tochter Birgit, geraten an ihre Grenzen. Zweifel an der Entscheidung, Schuldgefühle und Unsicherheiten bestimmen die Gespräche und verdeutlichen die emotionale Belastung, der Familien im Umgang mit einer Demenzerkrankung oft ausgesetzt sind.
Dialogtheater als Brücke zu Verständnis und Handlungsfähigkeit
Das Theaterstück, inszeniert von Theaterpädagoge und Psychotherapeut Karlo Müller sowie Sozialpädagogin und Krankenschwester Kornelia Masur, setzte bewusst auf zugespitzte Szenen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler brachten alltägliche Konflikte realitätsnah auf die Bühne, um Empathie zu wecken und gleichzeitig zum Nachdenken über eigene Verhaltensweisen anzuregen.
Die Inszenierung endete zunächst abrupt und ließ viele Fragen offen. In einer anschließenden Diskussionsrunde konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer persönliche Eindrücke schildern und gemeinsam Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Themen wie fehlende Nähe, Bevormundung, der Umgang mit Trauer und Depression sowie die Suche nach tragfähigen Ritualen spielten dabei eine zentrale Rolle.
Publikum gestaltet neue Lösungsansätze
Im zweiten Teil des Abends wurden ausgewählte Szenen erneut aufgegriffen – diesmal aktiv unterstützt durch das Publikum. Gäste übernahmen einzelne Rollen und probierten alternative Lösungsansätze im Umgang mit herausfordernden Situationen aus. Auch Sylvia Bing und Heike Dorow von der Demenzagentur Lahr engagierten sich spontan und präsentierten praxisnahe Möglichkeiten, um schwierige Momente im Alltag einfühlsam zu bewältigen.
Solch partizipative Elemente förderten einen Perspektivwechsel und ermöglichten einen lebendigen Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen, Fachpersonal und Interessierten. Dabei wurde deutlich, wie bedeutsam es ist, Menschen mit Demenz ernst zu nehmen und ihre Wahrnehmung der Lebensrealität zu respektieren.
Information, Netzwerk und Unterstützung
Beatrice Meyer, Poolmanagerin des Projekts „Zeit für mich“ im Netzwerk Demenz, begrüßte die Gäste und wies auf wichtige regionale Hilfsangebote hin. Sylvia Bing stellte die Arbeit der Demenzagentur Lahr vor. Zahlreiche Informationsmaterialien zu lokalen Unterstützungsmöglichkeiten, darunter der Pflegestützpunkt Ortenaukreis, ergänzten das künstlerische Angebot.
Die Organisation des Theaterabends erfolgte durch das Netzwerk Demenz, in Kooperation mit LahrKultur, der Lahrer Rockwerkstatt und der Dreyspring Bar. Finanzielle Unterstützung kam von der Stadt Lahr, dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg sowie aus Mitteln der gesetzlichen Pflegeversicherung.
Blick nach vorn: Mehr Verständnis durch intensive Begegnungen
Ein Kommentar einer Besucherin bringt die Wirkung des Abends auf den Punkt: „Das war großartiges Theater, das tief ging. Ich nehme viele hilfreiche Impulse für meinen Alltag mit.“ Auch nach Ende der Veranstaltung tauschten sich die Gäste weiter aus – der Abend bot nicht nur Denkanstöße und neue Perspektiven, sondern schuf auch Raum für humorvolle Momente und gegenseitige Unterstützung.
Im Anschluss an den Welt-Alzheimertag hat der interaktive Theaterabend im Schlachthof Lahr auf berührende Weise gezeigt, wie künstlerische Formate dazu beitragen können, das Verständnis für Demenz und den gelingenden Umgang miteinander zu fördern.
Eigene Anzeige
Hier könnten Ihre Neuigkeiten stehen
Erreichen Sie Menschen in dieser Region – transparent als Anzeige gekennzeichnet.