Offenburg klärt Ehrenbürger-Fragen aus NS-Zeit
Stadt bestätigt: Hitler und Co. waren nie offiziell Ehrenbürger – juristische Unsicherheiten werden beendet

Die Stadt Offenburg will mit einer grundsätzlichen Klarstellung einen kritischen Abschnitt ihrer NS-Vergangenheit juristisch beenden. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Adolf Hitler und fünf weitere NS-Funktionäre jemals offiziell Ehrenbürger der Stadt waren. Nach intensiver historischer Aufarbeitung steht nun fest: Sie waren es nicht. Ein abschließender Beschluss des Gemeinderats am 28. Juli soll künftig jedes Missverständnis ausschließen und einen Schlussstrich unter ein unrühmliches Kapitel ziehen.
Historische Hintergründe: Ernennungen im Schatten der NS-Diktatur
Ein Gutachten des Historikers Wolfgang Gall, das der aktuellen Beschlussvorlage der Verwaltung zugrunde liegt, beleuchtet die Umstände der sogenannten Ehrenbürgerschaften von 1933. Damals wurden folgende Personen vom NS-dominierten Offenburger Stadtrat in einem eiligen und fehlerhaften Verfahren ohne reguläres Ehrungsverfahren zu „Ehrenbürgern“ erklärt:
Diese Ernennungen erfolgten unmittelbar nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes und spiegelten die Gleichschaltung der kommunalen Gremien wider. Die Stadtratsbeschlüsse waren keine freien Entscheidungen, sondern dienten als demonstrative Loyalitätsadressen an das neue Regime.
Verantwortung und Folgen
Besonders Gauleiter Robert Wagner trat als Initiator und Vollstrecker der Deportationen badischer Jüdinnen und Juden in das Lager Gurs im Oktober 1940 in Erscheinung. Die weiteren Funktionäre trugen als Minister unmittelbar Verantwortung für Entrechtung, Enteignung und Deportation der jüdischen Bevölkerung in Baden.
Die fraglichen Stadtratsbeschlüsse erfolgten in einer Zeit, in der bereits gravierende Maßnahmen gegen Andersdenkende und die jüdische Bevölkerung in Offenburg umgesetzt wurden. Zeitgleich fanden einschneidende Ereignisse wie der Boykott jüdischer Geschäfte, das Verbot der Zeitung „D’r alt Offeburger“ sowie eine öffentliche Bücherverbrennung statt.
Beschlusslage nach 1945 und bestehende Unsicherheiten
Nach dem Ende des NS-Regimes beschloss der Offenburger Stadtrat im Juni 1946 die Aberkennung der Ehrenbürgerschaften aus dem Jahr 1933. Neue Recherchen zeigen jedoch, dass der Beschluss von 1946 ebenfalls formale Fehler aufwies. Zum Beispiel wurde bei Paul von Hindenburg, Adolf Hitler und Otto Wacker einfach davon ausgegangen, dass mit deren Tod die Ehrenbürgerwürde erloschen war, ohne weitere Klärung. Die Ehrenbürgerschaften von Robert Wagner und Karl Pflaumer wurden dezidiert entzogen. Walter Köhler, der nach Kriegsende noch lebte, wurde jedoch schlicht übersehen.
Gelebte Praxis ohne Rechtssicherheit
Ungeachtet der formalen Unsicherheiten sind die genannten Personen seit Jahrzehnten weder in städtischen Listen als Ehrenbürger geführt, noch werden sie als solche bezeichnet. Die Stadtverwaltung sowie die Stadtgesellschaft betrachten sie ausdrücklich nicht als Ehrenbürger.
Der aktuelle Schritt: Rechtssichere Klarstellung
Der geplante Beschluss des Gemeinderats soll nun die jahrzehntelange Praxis rechtlich absichern. Nachdem die NS-Beschlüsse von 1933 als unwirksam erklärt werden, schließt Offenburg das Kapitel um die vermeintlichen Ehrenbürgerschaften dieser NS-Funktionäre endgültig ab. Damit geht die Stadt einen konsequenten Schritt im Umgang mit ihrer Historie und setzt ein klares Zeichen gegen nationalsozialistisches Unrecht.
Das letzte Wort hat der Gemeinderat
Der Gemeinderat wird am 28. Juli über die Verwaltungsvorlage abschließend entscheiden. Mit dem erwarteten Beschluss wird ein dunkler Abschnitt der Stadtgeschichte endgültig beendet und die historische Verantwortung dokumentiert.
Der gesamte Prozess steht exemplarisch für die transparente und reflektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Offenburg demonstriert, dass historische Aufarbeitung und die klare Abgrenzung von Unrecht zentrale Elemente einer lebendigen Erinnerungskultur sind.
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