Kehl sucht Sprachmittler
Sprachpool 404-mal im Einsatz: Besonders Bedarf bei Dari, Farsi, Paschtunisch, Arabisch und Rumänisch

Der Kehler Sprachpool verzeichnet weiter einen hohen Bedarf an ehrenamtlicher Sprachmittlung. Im vergangenen Einsatzjahr waren die Helferinnen und Helfer 404 Mal im Einsatz und übersetzten in rund 20 Fremdsprachen, etwa bei Arztterminen sowie bei Elterngesprächen in Schulen und Kitas. Zu den Engagierten gehört auch Nesrin Demirkiran, die seit einem Jahr in Kehl lebt und sich ebenso lange als Sprachmittlerin für Türkisch einbringt.
Sprachmittlung im Alltag: Unterstützung an vielen Stellen gefragt
Demirkiran kam mit ihrer Familie aus Freudenstadt nach Kehl. Kurz nach dem Umzug wandte sie sich an den städtischen Integrationsbeauftragten. Ihr Anliegen war klar: Sie wollte ihr Sprachwissen einsetzen und helfen. Der Wunsch, sprachlich zu unterstützen, begleitet sie nach eigenen Angaben schon lange. Sie wuchs mit drei Geschwistern in der Nähe auf und kennt Dolmetschen seit ihrer Kindheit.
Auch aus den Erzählungen ihrer Eltern weiß sie, welche Bedeutung Sprachmittlung haben kann. Ihre Mutter habe durch die Kinder „quasi durch uns Deutsch gelernt“, berichtet sie. Vor ihrem Umzug nach Kehl engagierte sich Demirkiran bereits mehrere Jahre ehrenamtlich im Dolmetscher-Netzwerk Freudenstadt.
Der Bedarf in Kehl ist höher
Nach ihrem ersten Jahr in der Rheinstadt zieht Demirkiran eine deutliche Bilanz: Der Bedarf sei in Kehl „deutlich höher“. Zehn Einsätze hatte sie bislang als Sprachvermittlerin in Kehl. Das entspreche zwar ihrem früheren Pensum in Freudenstadt, zugleich erreichten sie in Kehl aber deutlich mehr Anfragen. Häufig gehe es dabei um Begleitungen zu Kita-Anmeldungen.
Die Einsätze reichen dabei von alltäglichen Terminen bis zu Situationen, in denen sprachliche Unterstützung besonders sensibel gefragt ist. So berichtet Demirkiran von einem Frauenarzttermin in Kehl, bei dem eine Frau Unterstützung brauchte, die nicht aus der Türkei stammte, sondern aus der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang in China und altertümliches Türkisch sprach. Die Schwangere benötigte Hilfe bei einer Elektrokardiographie. Für Demirkiran war es ein sehr rührender Termin. Die Frau sei unheimlich dankbar gewesen, dass überhaupt jemand an ihrer Seite war.
Zwischen Vermittlung und Neutralität
Nicht alle Einsätze verlaufen harmonisch. Demirkiran schildert auch einen Fall, bei dem sie eine Klientin zu einem Arzttermin begleitete. Diese wollte oder konnte sich mit der gestellten Diagnose nicht abfinden, woraufhin es zum Streit mit dem Mediziner kam. In dieser Situation musste sie neutral übersetzen und vermitteln. Sie beschreibt diese Rolle als herausfordernd, betont aber zugleich, dass sie dafür „ein dickes Fell“ habe.
Unterm Strich überwiegt für die 48-Jährige das Positive. Für sie steht im Mittelpunkt, Verständigung zu ermöglichen und dadurch Erleichterung für Menschen zu schaffen. Genau das erfülle sie, sagt sie.
Wer mitmachen will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen
Interessierte, die sich ehrenamtlich als Sprachvermittlerin oder Sprachvermittler einbringen möchten, wenden sich an Raya Gustafson. Dafür gibt es ein sogenanntes Interessensbekundungsformular. Darin werden unter anderem die Fremdsprachenkenntnisse erfragt, also die Sprachen, in denen Interessierte später mündlich übersetzen können.
Die Sprachkenntnisse sollten annähernd auf Muttersprachniveau liegen, also auf C1- bis C2-Niveau. Außerdem müssen Bewerberinnen und Bewerber ihrer Bewerbung einen Lebenslauf, ein erweitertes Führungszeugnis sowie einen Nachweis über ein B2-Deutsch-Niveau oder höher beilegen. Als Nachweis kommen etwa ein Zertifikat einer Sprachschule oder ein Schulzeugnis in Frage.
So läuft die Bewerbung ab
Das ausgefüllte Formular wird per E-Mail an [email protected] geschickt. Mit aussichtsreichen Kandidatinnen und Kandidaten führt die städtische Integrationsbeauftragte anschließend ein Gespräch. Dabei geht es um die Beweggründe für die ehrenamtliche Tätigkeit und um die Verfügbarkeit.
Wer geeignet ist, wird zu einer zweitägigen Grundschulung eingeladen. Der nächste Termin ist für den 8. Mai von 14 bis 18 Uhr und den 9. Mai von 9.30 bis 16 Uhr vorgesehen. Die Schulungen werden gemeinsam mit fünf weiteren Sprachpools aus der Ortenau geplant.
Hintergrund: Einsatz, Vergütung und aktueller Bedarf
Im vergangenen Jahr waren 33 Ehrenamtliche insgesamt 404 Mal im Einsatz und übersetzten in einer von 19 Fremdsprachen. Die Kosten lagen 2025 bei 2.975 Euro. Für ihren Einsatz erhalten die Ehrenamtlichen eine Aufwandsentschädigung von 15 Euro pro Einsatz. Dauert ein Einsatz länger als eine Stunde, gibt es für jede weitere halbe Stunde 5 Euro.
Wichtig ist außerdem: Beauftragt werden Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler nicht durch Privatpersonen, sondern über Institutionen wie den Bürgerservice, das städtische Integrationsmanagement, Beratungsstellen des Diakonischen Werks und der Caritas, das Jobcenter, Schulen, Kitas oder Arztpraxen.
Derzeit besteht besonders Bedarf an Vermittlerinnen und Vermittlern für Dari, Farsi, Paschtunisch und Arabisch sowie für Rumänisch.
Die Zusammenarbeit mit den städtischen Integrationsbeauftragten beschreibt Nesrin Demirkiran als unkompliziert. Ihr Beispiel zeigt, wie groß die Bedeutung des Kehler Sprachpools im Alltag vieler Menschen ist.
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