Neue Stolpersteine erinnern an Familie Gradwohl
Kehl ehrt jüdisches Schicksal und mahnt zur Bewahrung der Menschenwürde

Am Donnerstagmorgen wurden in Kehl drei weitere Stolpersteine verlegt. Die Messingtafeln vor dem Haus Hauptstraße 33 erinnern an das Schicksal der jüdischen Familie Gradwohl und setzen ein nachhaltiges Zeichen gegen das Vergessen. Mit diesen Steinen zählt die Stadt nun 76 Stolpersteine, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern und mahnen.
Die Geschichte der Familie Gradwohl
Sigmund Gradwohl eröffnete im April 1904 ein Herrenbekleidungsgeschäft, das rasch wuchs und sich bis 1910 in der Hauptstraße 33 etablierte. Das Sortiment wurde stetig ausgebaut und umfasste laut einer Anzeige aus dem Jahr 1922 bereits Knaben- und Damenkonfektion. Doch das erfolgreiche Familienleben wurde durch die politischen Umbrüche ab 1933 jäh beendet.
Verfolgung und Ausgrenzung
Die Ausgrenzung jüdischer Bürger war ein zentraler Bestandteil der NS-Politik. Die Familie Gradwohl erlebte dies unmittelbar: Boykottaufrufe, Einschüchterungen und politischer Druck bestimmten ihren Alltag. Die Zeitzeugen-AG des Einstein-Gymnasiums machte dieses bedrückende Gefühl bei einer szenischen Lesung anlässlich der Stolpersteinverlegung erfahrbar. Originalinterviews mit Zeitzeugen, die sich an die Vorgänge um das Geschäft Gradwohl und den „Judenboykott“ vom 1. April 1933 erinnerten, unterstrichen die bewegende Darstellung.
Der weitere Lebensweg der Familie
Am 19. Januar 1938 verkaufte die Familie das Haus an Thomas Markert, den Konditoreibesitzer. Die Gradwohls zogen nach Straßburg, wurden später aufgrund des Krieges evakuiert. Die Geschichte nahm für jedes Familienmitglied ein dramatisches Ende:
Gedenken und aktuelle Bedeutung
Oberbürgermeister Wolfram Britz betonte in seiner Ansprache, wie wichtig es sei, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und den Opfern mit solchen Initiativen ihre Würde zurückzugeben. Er würdigte die Arbeit der Zeitzeugen-AG, Lehrer Uli Hillenbrand, des Arbeitskreises 27. Januar und des Stadtarchivs unter Matthias Kick sowie deren Engagement bei der Recherche.
„Wir tragen dafür Sorge, dass sich Fehler und Verbrechen nicht wiederholen. Das kann aber nur gelingen, wenn wir kritisch mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen.“ (Oberbürgermeister Wolfram Britz)
Die Bevölkerung wurde dazu aufgerufen, die Gedenksteine als Anlass zum Innehalten und zur Reflexion über gesellschaftlichen Zusammenhalt zu nehmen.
Begleitprogramm und Beteiligte
Die Verlegung wurde musikalisch von Lea Balzar und Lena Stalinski begleitet. Anwesend waren neben Nachfahren des Gebäudeerwerbers Markert – der Familie Zorn de Bulach – auch Richard Aboaf, Vorsitzender des Vereins Stolpersteine 67 aus Straßburg. Das würdige Rahmenprogramm unterstrich die Bedeutung des Erinnerns im lokalen und europäischen Kontext.
Mit der Verlegung weiterer Stolpersteine in Kehl bleibt die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus lebendig und ermahnt zur Wachsamkeit gegenüber Antisemitismus und gesellschaftlicher Ausgrenzung – auch in der Gegenwart.
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